Wurzeln, oder: auf den Schultern von Giganten

Nachdenken über den Dadaismus in der hedonistischen Internationalen
von zwille

Anlass zu den folgenden Gedanken ist die Dokumentation über Witze und den Untergang des politischen Ostblocks auf arte mit dem Titel „Totgelacht“ von Lewis Ben. Zur Zeit sind keine weiteren Ausstrahlungen geplant, aber wenn Ihr die Gelegenheit habt, guckt Euch den Streifen an.

Worum geht’s? Die Idee des Films ist, den Untergang der politischen Verhältnisse im Ostblock an der Art und Weise und der Häufigkeit der erzählten Witze über das Regime, den Staat, das System, die Untertanen nachzuzeichnen.
Subversion und Witz gegen Polizei und Verfassungsschutz? Kann das gut gehen?
Wer weiß, sicher ist das nicht, irgendwas ist ja immer. Aber die Idee, die kam mir doch sehr bekannt vor. Und die seltenen Bilder von Dissidenten- Aktionen in Polen, der ehemaligen Tschechoslowakei und anderen Staaten des Ostblockes, die konnte ich eins zu eins auf unsere heutigen berliner Verhältnisse übertragen.
Z.B. Ein Haufen Spinner, bunt gekleidet und eindeutig gut gelaunt sitz im Sandkasten und backt Sandkuchen, alle summen, brabbeln, quieken irgendwas vor sich hin.
Z.B Eine große Demonstration schiebt sich durch die Innenstadt Warschaus, es werden alle Bilder der kommunistischen Führung hochgehalten: Stalin, Lenin, Karl und Friedrich, doch tragen Sie alle rote Zipfelmützen. Und ein Grossteil der Demonstranten trägt dieselben Mützen. Einige Wochen später tauchen Leute in roten Kaderuniformen der Armee auf und verteilen Klopapier auf der Strasse, Blatt für Blatt. Unter dem Motto: der Staat hilft seinen Bürgern, Solidarität und pipapao…
Die Situation wird dermaßen auf die Spitze getrieben, dass ein Großeinsatz der Polizei startet und der Wachhabende durchs Mikro brüllt. „Verhaftet die Roten!“ Johlendes Gelächter auf dem Platz, Pfeifkonzert und alles verpieselt sich in die Seitenstrassen.

Großartig nicht wahr?

Die Geschichte mit den roten Mützen entwickelte sich in Polen im Rahmen der Solidarnosc zu dem Symbol für Widerstand. Es wurden Graffitis, Schablonen (oho! so alt sind die Dinger) und handgemalte Zipfelmützen überall an die Wände geschmiert. Es wurden immer mehr, es kamen Hampelmänner (auch mit Mützen) dazu und die Welle war nicht mehr aufzuhalten.
Was mit den Regimes der ehemaligen Ostblockstaaten passiert ist, wisst Ihr.

Warum erzähl ich die Geschichte? Weil ich glaube, dass das unsere Vorfahren sind und wir uns nicht im Ansatz schämen müssen für unsere Spinnerei. Sie lächeln milde verpeilt aus großer Entfernung auf uns herab, mit dem Gefühl den Goliath mit Dada zu Fall gebracht zu haben. Wer hätte das gedacht?
Was verbindet uns? Die Spinner- Dissidenten von damals hatten es viel schwerer als wir. So viel ist klar. Verfolgung, Folter und Staatsterror sind nicht witzig und ich möchte nichts verharmlosen. Aber das Gefühl der Hilflosigkeit das teilen wir mit Ihnen.
Für die Ostblock- Dissidenten war fast jede Form des Widerstands, des Andersdenkens unmöglich, mit absoluter Gefahr, Gewalt und Radikalität verbunden. Die lieben Spinner, die sich nicht „für die Sache opfern“ wollten (brrr), die Gewalt ablehnen, die nicht nur gegen etwas, sondern auch für einen neuen, bunten Entwurf des Zusammenseins waren, diese Helden wählten Dada. Und das verbindet uns.
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich fühle mich so. Da ist dieses riesen System, das so viel Scheiße produziert, den Menschen verzerrt und ein Miteinander so schwer macht. Aber nicht alle gehören dazu, viele akzeptieren es, nicht alles ist schlecht. Es gilt so viel abzuwägen, so ruhig zu bleiben, im Angesicht dieser Übermacht an Fakten.
Ich will niemandem auf die Fresse hauen und ich lehne es ab über Umwege der „Strukturellen Gewalt“ körperliche, direkte Gewalt zu legitimieren. Keine Gewalt.
Ich will nicht mein Leben wegschmeißen für Plena und Diskussionsrunden. Ich will es fühlen, spüren und mit dem Herzen durchsetzen.
Und so bin auch ich Dada. Es fällt mir nix besseres ein, aber ist das so schlimm? Ist es besser zu indoktrinieren, zu agitieren, die Verzerrung bis ins persönliche zu tragen und mein Wesen zu instrumentalisieren?
Da mach ich lieber Quatsch! Das kommt von Herzen. Ich blödel rum, ich lach über Gewalt und Herrschaft, ich mach lieber alles lächerlich, als alles kaputt. Ich bau mit meinen Freunden Scheisse, ich bin bekloppt, wir sind alles Kloppis und das ist gut so! Denn wir stehen auf den Schultern von Giganten, denen sich aber auch niemand schämen muss…

Kommt mit, haut rein
Euer zwille

Aktionen in Berlin gegen "Preiswucher"

Es ist doch völlig absurd permanent gegen die steigenden Mieten zu wettern.
Berlin ist im Vergleich zu anderen Metropolen immer noch sehr, sehr günstig - in jeder Hinsicht.
Berlin ist Bundeshauptstadt, Weltmetropole und Tor zu Osteuropa. Wieso soll es da jedem möglich sein, in der Innenstadt zu wohnen? Ist das in Paris, London, Madrid, Wien oder Moskau so? natürlich nicht.

Wer sich 10 Euro Nettokaltmiete, und das wird der Schnitt in 1-2 Jahren sein, nicht leisten kann: es gibt doch Dutzende Außenbezirke wie Spandau, Marzahn, Hellersorf, Reinickendorf, usw - mit guten Verkehranbindungen. Wer dann wieder viel geleistet hat und mehr Geld verdient, zieht zurück. So einfach ist das.

Denkt mal darüber nach, bevor Ihr ehrlich arbeitenden Menschen Ihr Wohnumfeld kaputt macht (sprayen, brennende Autos, Müllberge in der öffentlichen Parks).

Viel Spaß heute Abend.